Die verweigerte Verantwortng
BB
Freiheit ohne Verantwortung führt zu Chaos, Verantwortung ohne Freiheit zu Zwang. Moderne Gesellschaften haben dieses Problem nicht gelöst.
Wir leben in einer Zeit, in der Verantwortung oft durch Verweigerung ersetzt wird: wenn die eigene Komfortzone wichtiger ist, als Haltung zu zeigen; wenn die so gehypte „Work-Life-Balance“ immer mehr Leistungswilligkeit und Leistungsbereitschaft ersetzt; wenn in der Gesellschaft Erregung zunehmend Empathie verdrängt; wenn Meinung immer öfter ohne Substanz, also ohne Wissen, dafür umso lauter und aggressiver in den Vordergrund gerückt wird und wir zugleich die Kunst des Zuhörens verlernt haben.
Wenn andere Standpunkte zunehmend als Kriegserklärung aufgefasst werden, statt zu einem konstruktiven Diskurs zu führen; wenn sich Politik und Gesellschaft immer stärker von Befindlichkeiten leiten lassen statt von lösungsorientierter Sachlichkeit; wenn Pflichten als Zumutung betrachtet werden, statt als Dienst für andere oder als Beitrag zu etwas Größerem; wenn Opferbereitschaft gefordert wird, aber vorzugsweise von den anderen.
Auf Zeit und ohne Gegenwind
Wenn die Keimzelle der Gesellschaft, die Familie, so weit unterminiert wird, dass man die damit verbundene Verantwortung nur noch auf Zeit zu übernehmen bereit ist – nämlich für die Zeit ohne Gegenwind – und die damit verbundenen Verpflichtungen relativiert werden; wenn es sich die Großen in der Wirtschaft immer umfassender richten können, während es für die Kleinen immer härter wird; wenn Unternehmen verstärkt auf Zeitgeist und Compliance setzen statt auf echte Werte und eigene Haltung; wenn in der Politik immer mehr das Unrecht des Stärkeren salonfähig wird und das Recht zum Instrument der Mächtigen gerät, statt deren Macht zu beschränken; wenn Toleranz gefordert, aber nicht gezeigt wird; wenn Religion vom Bekenntnis zum Lippenbekenntnis degeneriert.
Wenn all das möglich ist – und genau das geschieht gerade –, dann leben wir im Zeitalter der Verantwortungsverweigerung. Diese Kultur der Verantwortungsverweigerung drückt sich besonders in Schuldverschiebung, in der Relativierung von Normen und Regeln sowie in folgenlosem Machtgebrauch und konsequenzlosem Machtmissbrauch aus. All das führt zu einem Vertrauensverlust, der Staat, Politik, Institutionen und sogar die Wissenschaft betrifft – zur Erosion von Recht, Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Die Polarisierung der Gesellschaft ist eine unvermeidliche Folge, und genau diese erleben wir tagtäglich.
Eine weitere dramatische Folge der Verantwortungsverweigerung ist der erkenn- und spürbare Verlust individueller Freiheit. Daran haben alle politischen Lager ihren Anteil, und aus dieser Entwicklung versuchen auch sämtliche politischen Parteien auf die eine oder andere Weise Kapital zu schlagen. Denn je weniger Verantwortungsbereitschaft es in einer Gesellschaft gibt, desto lauter werden die Rufe nach „Ordnung“, „Sicherheit“ und „hartem Durchgreifen“, desto attraktiver erscheint der „starke Mann“.
Freiheit und Identität gehören zusammen
Je weniger Verantwortungsbereitschaft vorhanden ist, desto mehr Gesetze, Vorgaben und Regeln scheinen nötig. Diese betreffen und beschränken uns alle. Man denke nur an die sogenannte „Political Correctness“, an Genderismus, „Cancel Culture“ und vieles mehr. Hier geht es nicht um oberflächliche Details, sondern um das Eingemachte: um unsere Freiheit und letztlich um unsere Identität.
Dieser Angriff auf unsere persönliche Freiheit zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sogar beeinflusst werden soll, wie wir sprechen, was wir sagen dürfen und was nicht. Vergessen wir in diesem Zusammenhang nie: Für den Menschen wie für eine Gesellschaft gibt es kein wichtigeres Ausdrucksmittel der eigenen Identität als die Sprache. Aus diesem Grund unterdrückt etwa China in Tibet systematisch die tibetische Sprache. Wird die Sprache kontrolliert, wird auch Freiheit kontrolliert und Identität manipuliert.
Verantwortung und Freiheit sind untrennbar miteinander verbunden. In Zeiten wie diesen wird Freiheit jedoch geopfert, um die grassierende Verantwortungsverweigerung zu kompensieren – ein Teufelskreis. Verantwortungsverweigerung ist somit die größte Bedrohung für unsere Freiheit, und zwar in zweifacher Hinsicht: Freiheit ohne Verantwortung führt zu Chaos, Verantwortung ohne Freiheit zu Zwang. Beide Optionen sind brandgefährlich – für unsere Gesellschaft, für unser Land und für Europa. Gleichzeitig erleben wir, nicht zuletzt in den sozialen Medien, dass viele Menschen gewichtige, nicht selten auf großen Bühnen vorgetragene Bedenken äußern, selbst jedoch kaum Verantwortung übernehmen. Was Jean-Paul Sartre schrieb, passt auf diese Haltung: „Wenn man nichts tut, glaubt man, dass man für alles die Verantwortung trägt.“
Wir sollten uns der Verantwortung bewusst sein, die wir tragen, uns ihr stellen und sie gerne und stolz annehmen. Verantwortung muss man zuerst in sich selbst suchen, bevor man sie in der Welt sucht – oder sie gar Gott in die Schuhe schiebt. Denn Verantwortung ist die tragende Säule unseres Lebens: in Familie und Beruf, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Verantwortung gilt dem Anderen
Wir leben in einer Vollkasko-Gesellschaft – jedenfalls glaubten wir das bis vor Kurzem. Nun müssen wir auf die harte Tour lernen, dass dies nicht der Fall ist. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass es in Wahrheit nie so war: weder in Bezug auf unsere Freiheit noch auf den Sozialstaat, den Wohlstand oder den Frieden. Die Warnsignale und Alarmzeichen unserer Zeit sind unübersehbar.
Dabei müssen wir uns stets vor Augen halten, dass Verantwortung altruistisch ist: Ihr Sinn und Zweck gilt letztlich dem Anderen. Verantwortung kennt keine Zeitgrenzen; sie umfasst die Gegenwart ebenso wie die Zukunft und sogar das Gewesene – die Geschichte.
Verantwortung ist kein Opfer und schon gar keine Qual. Verantwortung ist vielmehr die wohl edelste Pflicht, und Verantwortungsbewusstsein eine der wichtigsten Tugenden. Der amerikanische Autor Denis Waitley sagte einmal: „Es gibt zwei wesentliche Möglichkeiten im Leben: Zustände zu akzeptieren, wie sie sind, oder die Verantwortung dafür zu übernehmen, sie zu ändern.“
